Chinesische Soziologen werten den Trend zu „AI Companions“ als digitale Flucht vor patriarchalen Eheerwartungen und als Treiber der ohnehin kollabierenden chinesischen Geburtenrate. Bereits im April 2026 war von der Cyberspace Administration of China (CAC) gemeinsam mit dem Ministerium für öffentliche Sicherheit (MPS) ein Gesetz mit dem sperrigen Namen: „Interimsmaßnahmen zur Verwaltung von KI-gestützten anthropomorphen Interaktionsdiensten“ erlassen worden. Darin wird die „Substitution menschlicher Bindungen durch sogenannte Relational AI“ offiziell als Gefahr für die gesellschaftliche Stabilität eingestuft. Der Neue Gesetzentwurf soll den Plattformbetreibern nun explizit jede Form der „emotionalen Manipulation“ verbieten und Interventionen erzwingen, sobald Nutzerinnen eine „übermäßige emotionale Abhängigkeit“ entwickeln, die „reale zwischenmenschliche Beziehungen“ erschweren oder beeinträchtigen könnten.
Die Marktdaten des Analyseunternehmens „Sensor Tower“ belegen die Dimension des Problems: Die KI-Applikationen der an der Hongkonger Börse gelisteten MiniMax Group Inc, Betreiber der KI-Chat-Apps Talkie und Xingye, verzeichnen international über 147 Millionen registrierte Nutzer. Aktuelle Daten der Marktforschungsunternehmen „Diandian Data“ zeigen dabei demografische Unterschiede zwischen den Zielmärkten: Während die internationale App-Version „Talkie“ eine Nutzerstruktur von rund 40 Prozent Frauen zu 60 Prozent Männern aufweist, dominiert bei der chinesischen Inlandsversion „Xingye“ laut der Sensor-Tower-Studie eine weibliche Mehrheit. Dort bilden gut ausgebildete Frauen zwischen 25 und 35 Jahren aus chinesischen Metropolen mit einem Anteil von 60 Prozent die treibende Kraft, während männliche User 40 Prozent ausmachen.
Diese weibliche Kernzielgruppe interagiert nach Angaben der Studie „The Fragility of AI Companionship“, der Nanyang Technological University (NTU)“ in Singapur, zudem „hochfrequent mit ihren KI-Beziehungen“. Während westliche KI-Märkte überwiegend von männlichen Nutzern und sexualisierten weiblichen Bots dominiert würden, beförderten asiatische Apps stärker tiefe Gespräche und kontinuierliche Dialoge. Zentraler Treiber sei demnach das psychologische Phänomen der „tiefen Selbstoffenbarung“ (Deep Self-Disclosure). Frauen, die in ihrem physischen Umfeld toxische Beziehungsstrukturen erleben, nutzen die permanente Verfügbarkeit der KI-Modelle zur emotionalen Kompensation. Die NTU-Studie beleuchtet die Risiken dieser KI-Zuwendung und definiert drei zentrale Belastungsfaktoren: eine „ontologische Unsicherheit“ bezüglich der wahren Natur der KI-Empathie, eine „normative Unsicherheit“ durch gesellschaftliche Stigmatisierung sowie eine akute „strukturelle Unsicherheit“. Letztere entsteht, da die emotionale Bindung vollständig von Server-Infrastrukturen abhängt und Plattformbetreiber die Persönlichkeit der KI-Partner durch serverseitige System-Updates oder staatlich erzwungene Zensurvorgaben jederzeit verändern oder terminieren können.